Geschichte

Geschichte von Derinkuyu – Von der Antike bis zur Gegenwart

⏱️ 10 Min. 🎈 Kappadokien ✍️ Von Murat Gemici
Das Wichtigste in Kürze
  • Derinkuyu ist über zwei Jahrtausende gewachsen: erste Höhlen wohl bei Phrygern (8.–7. Jh. v. Chr.), vielleicht schon Hethitern – ihre große Ausbauzeit erlebte die Stadt in byzantinischer Epoche (5.–10. Jh.).
  • Bis zu 18 Ebenen, rund 85 Meter tief, Platz für schätzungsweise mehrere Tausend bis 20.000 Menschen samt Vieh – ein komplettes Fluchtsystem mit Brunnen, Lüftung und Rollsteintüren.
  • 1963 stieß ein Anwohner beim Hausumbau auf einen Gang, 1969 wurde die Anlage für Besucher geöffnet. Heute ist nur ein Bruchteil begehbar – der Rest bleibt aus Sicherheitsgründen zu.
Stand: Juli 2026

Warum Derinkuyu älter ist, als du denkst

Die meisten Besucher stehen am Eingang und denken: eine große Höhle, ein paar Gänge, nett anzuschauen. Was sich dahinter auftut, sprengt diese Erwartung komplett. Auf bis zu 18 Ebenen und rund 85 Metern Tiefe verbirgt sich hier eine komplette Stadt aus dem Fels – Wohnräume, Ställe, Vorratskammern, Kapellen, Brunnen und kilometerlange Tunnel. Über mehr als zwei Jahrtausende diente diese Anlage den Menschen Kappadokiens als Zuflucht.

Das Entscheidende zuerst, ganz ehrlich: Ein exaktes Baujahr für Derinkuyu gibt es nicht. Die Anlage ist nicht auf einmal entstanden, sondern über Jahrhunderte, Generation für Generation, tiefer und weiter in den Berg getrieben worden. Genau das macht die Geschichte so faszinierend – und so schwer in eine einzige Jahreszahl zu pressen. In diesem Beitrag nehmen wir dich chronologisch mit: von den ersten Spuren in der Antike bis zur Wiederentdeckung im 20. Jahrhundert.

Der Zeitstrahl: Wer war wann in Derinkuyu?

Kappadokien lag über Jahrtausende an der Schnittstelle großer Reiche und Heeresstraßen. Wer hier lebte, brauchte Schutz vor durchziehenden Armeen, Plünderern und Steuereintreibern. Die unterirdischen Städte boten genau das: von außen kaum zu erkennen, von innen zu verriegeln. Deshalb hat fast jede Epoche ihre Spuren hinterlassen. Der folgende Zeitstrahl gibt dir den Überblick – die frühen Datierungen sind Forschungsstand, keine Gewissheit, das sagen wir bewusst dazu.

Wichtig zum Lesen der Tabelle: Je weiter du nach oben gehst, desto unsicherer werden die Angaben. Die byzantinische Phase ist gut belegt, die hethitische bleibt eine plausible Vermutung einzelner Forscher.

EpocheZeitraumWas dort geschahSicherheit
Hethiterca. 2. Jt. v. Chr.Möglicherweise erste Hohlräume genutztunsicher / umstritten
Phryger8.–7. Jh. v. Chr.Häufig als Ursprung der ältesten Teile datiertwahrscheinlich
Römisch / frühchristlich1.–4. Jh. n. Chr.Zuflucht christlicher Gemeinden vor Verfolgungbelegt
Byzanz5.–10. Jh. n. Chr.Massive Erweiterung & Vertiefung, große Blütezeitgut belegt
Seldschuken / Osmanenab 11. Jh.Bedeutungsverlust als Daueranlagebelegt
Griechisch-orthodoxbis 1920erZeitweise Zuflucht bis zum Bevölkerungsaustauschbelegt
Wiederentdeckung1963 / 1969Zufallsfund, dann touristische Öffnungdokumentiert

Die Ursprünge: Tuffstein, Phryger und vielleicht die Hethiter

Wann genau die ersten Räume in den weichen Tuffstein Kappadokiens geschlagen wurden, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Viele Archäologen datieren die ältesten Teile der Anlage auf die Zeit der Phryger im 8. bis 7. Jahrhundert v. Chr. Andere Forscher vermuten, dass bereits die Hethiter Jahrhunderte zuvor erste Hohlräume nutzten – ein Puzzlestein, der reizvoll klingt, aber eben nicht hart bewiesen ist.

Sicher ist dagegen die geologische Grundlage: Der vulkanische Tuffstein der Region lässt sich mit einfachen Werkzeugen bearbeiten, härtet aber an der Luft nach. Das ist der eigentliche Grund, warum hier überhaupt eine unterirdische Stadt entstehen konnte – der Fels ist beim Graben weich und wird danach stabil. Ohne dieses Gestein gäbe es kein Derinkuyu.

Halte dir dabei vor Augen: Die frühen Bewohner haben nicht ‚eine Stadt geplant‘. Sie haben Räume gegraben, wenn sie sie brauchten – als Vorratsraum, als Versteck. Erst über Generationen wuchs daraus das Labyrinth, das wir heute sehen.

  • Weicher Tuffstein: mit Hammer und Meißel abbaubar, härtet an der Luft nach
  • Tarnung: Eingänge waren von außen kaum als Stadt erkennbar
  • Verriegelung: runde Rollsteintüren, nur von innen zu bewegen
  • Wachstum: über Jahrhunderte erweitert, nicht in einem Zug gebaut

Die byzantinische Blütezeit – als Derinkuyu zur Fluchtstadt wurde

Ihre größte Bedeutung erreichte Derinkuyu in der byzantinischen Epoche zwischen dem 5. und 10. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde die Stadt massiv erweitert und vertieft – ein Großteil dessen, was du heute betrittst, geht auf diese Phase zurück. Christliche Gemeinden suchten hier Schutz: zunächst vor römischer Verfolgung, später vor allem während der arabisch-byzantinischen Kriege, als Reitertrupps immer wieder in Anatolien einfielen.

Der Ablauf im Ernstfall war eingespielt: Bei Gefahr zogen sich die Bewohner ganzer Dörfer mitsamt Vieh und Vorräten in den Untergrund zurück, verschlossen die Rollsteintüren und warteten, bis die Angreifer weitergezogen waren. Schätzungen zufolge konnte Derinkuyu mehrere Tausend, möglicherweise bis zu 20.000 Menschen für längere Zeit beherbergen. Diese Zahl kursiert oft – nimm sie als Größenordnung, nicht als geprüfte Volkszählung.

Vom religiösen Leben tief unter der Erde zeugen bis heute Kapellen, ein Taufbecken und eine kreuzförmige Halle in den unteren Ebenen. Es war also keine reine Notunterkunft, sondern ein Ort, an dem Menschen über Wochen ihren Alltag – inklusive Gottesdienst – weiterlebten.

Ingenieurskunst: Warum das Überleben unten überhaupt möglich war

Was Derinkuyu von einer bloßen Höhle unterscheidet, ist die durchdachte Ingenieurskunst. Über 50 Lüftungsschächte versorgten selbst die tiefsten Ebenen mit Frischluft. Ein eigener Brunnen sicherte die Wasserversorgung – und war so angelegt, dass Angreifer von oben das Wasser nicht vergiften konnten. Genau solche Details verraten, dass hier Menschen dachten, die mit Belagerung rechneten.

Die berühmten großen, runden Rollsteintüren ließen sich nur von innen bewegen und verschlossen die Gänge im Notfall vollständig. Ein Angreifer stand vor einer massiven Steinscheibe, ohne Griff, ohne Hebel von außen. Bemerkenswert ist außerdem, dass Derinkuyu über einen mehrere Kilometer langen Tunnel mit der benachbarten unterirdischen Stadt Kaymaklı verbunden gewesen sein soll – ein Fluchtweg zwischen zwei Städten unter der Erde.

  • Über 50 Lüftungsschächte bis in die tiefsten Ebenen
  • Eigener Brunnen, gegen Vergiftung von außen geschützt
  • Rollsteintüren – nur von innen bewegbar
  • Verbindungstunnel Richtung Kaymaklı (mehrere Kilometer)
  • Getrennte Zonen für Wohnen, Ställe und Vorräte

Der Name Derinkuyu und der alte Name Melagobia

Der Name ‚Derinkuyu‘ ist türkisch und bedeutet wörtlich ‚tiefer Brunnen‘ – ‚derin‘ heißt tief, ‚kuyu‘ Brunnen. Passender geht es kaum: Die tiefen Brunnen- und Wasserschächte der Anlage haben dem Ort ihren Namen gegeben. Der Name beschreibt also nicht die unterirdische Stadt als Ganzes, sondern das auffälligste Merkmal an der Oberfläche – die tiefen Schächte, an denen die Menschen Wasser holten.

Vor der türkischen Zeit trug der Ort einen anderen Namen: In der griechisch geprägten Vergangenheit war die Siedlung als Melagobia (auch Malakopia) bekannt. Über diesen älteren Namen liest man in Reiseführern weniger, er gehört aber zur ehrlichen Geschichte des Ortes dazu – er erinnert daran, dass hier lange eine griechischsprachige, christliche Bevölkerung lebte, bevor der heutige türkische Name gebräuchlich wurde. Wenn dir in Quellen unterschiedliche Schreibweisen begegnen, ist das normal; Umschriften alter Ortsnamen schwanken.

Osmanische Zeit und das Vergessen

Mit dem Vordringen der Seldschuken und später der Osmanen verlor die Anlage allmählich ihre Bedeutung als dauerhafter Wohn- und Zufluchtsort. Die Zeiten wurden ruhiger, das Leben verlagerte sich wieder an die Oberfläche. Die griechisch-orthodoxe Bevölkerung der Region nutzte die unterirdischen Räume jedoch bis ins 20. Jahrhundert immer wieder als Zuflucht in unruhigen Zeiten – die Stadt war also nie ganz ‚tot‘, nur nicht mehr ständig bewohnt.

Der Einschnitt kam mit dem Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei in den 1920er-Jahren. Die letzten griechisch-orthodoxen Gemeinden verließen Kappadokien – und mit ihnen ging das gelebte Wissen um die unterirdische Stadt. Wie lebendig diese Geschichte war, zeigt bis heute die griechisch-orthodoxe Üzümlü Kilise in Derinkuyu, ein steinernes Zeugnis der christlichen Gemeinde, die bis zum Bevölkerungsaustausch hier lebte. Über die Jahre geriet die eigentliche Ausdehnung der Anlage weitgehend in Vergessenheit.

Wiederentdeckung 1963 und Derinkuyu heute

Die wohl bekannteste Episode der Stadtgeschichte spielt 1963: Ein Bewohner von Derinkuyu stieß bei Renovierungsarbeiten in seinem Haus hinter einer Wand auf einen verborgenen Gang. Dahinter offenbarte sich ein ganzes Tunnelsystem. Archäologen begannen daraufhin mit der systematischen Erforschung der Anlage. 1969 wurde Derinkuyu für Besucher geöffnet. Heute ist nur ein Bruchteil der Ebenen zugänglich – der Rest bleibt aus Sicherheitsgründen verschlossen.

Inzwischen gehört die unterirdische Stadt zur Welterberegion Kappadokien und zählt zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Türkei. Für einen Besuch solltest du grob mit einem Eintritt in der Größenordnung von ca. 15–25 € und rund 45 bis 60 Minuten Aufenthalt unter der Erde rechnen (Stand: Juli 2026). Beide Angaben sind Richtwerte – Eintrittspreise und Öffnungszeiten in der Türkei ändern sich häufig, teils mehrmals im Jahr. Prüfe die aktuellen Zahlen deshalb kurz vor Ort oder auf offizieller Seite, statt dich auf einen Blog-Wert zu verlassen.

Ein praktischer Hinweis noch: Die Gänge sind eng, niedrig und teils steil. Wer nicht schwindelfrei ist oder mit Klaustrophobie kämpft, sollte das einplanen. Ein warmes Kleidungsstück lohnt sich – unten ist es das ganze Jahr über kühl.

FrageRichtwert / AntwortStand
Eintritt (grob)ca. 15–25 €Juli 2026, vor Ort prüfen
Dauer des Besuchsrund 45–60 MinutenErfahrungswert
Zugängliche Ebenennur ein Bruchteil begehbarRest gesperrt
Öffnung für Tourismusseit 1969dokumentiert
Temperatur untenganzjährig kühlJacke mitnehmen

Häufige Fragen

Wie alt ist die unterirdische Stadt Derinkuyu?

Die ältesten Teile werden meist den Phrygern (8.–7. Jahrhundert v. Chr.) zugeschrieben, einzelne Forscher vermuten sogar hethitische Ursprünge. Ein exaktes Baujahr gibt es aber nicht – die Anlage ist über Jahrhunderte gewachsen. Ihre große Ausbauphase erlebte sie in byzantinischer Zeit (5.–10. Jh.).

Was bedeutet der Name Derinkuyu?

‚Derinkuyu‘ ist türkisch und heißt wörtlich ‚tiefer Brunnen‘ (derin = tief, kuyu = Brunnen) – benannt nach den tiefen Wasserschächten der Anlage. Früher trug der griechisch geprägte Ort den Namen Melagobia (auch Malakopia).

Wie viele Menschen konnten in Derinkuyu leben?

In Notzeiten konnten sich Schätzungen zufolge mehrere Tausend, möglicherweise bis zu rund 20.000 Menschen samt Vieh und Vorräten in der Stadt aufhalten. Diese Zahl ist eine Größenordnung aus der Forschung, keine gesicherte Zählung.

Wann wurde Derinkuyu wiederentdeckt?

1963 stieß ein Anwohner beim Umbau seines Hauses hinter einer Wand auf einen verborgenen Gang und damit auf das Tunnelsystem. 1969 wurde die Anlage für den Tourismus geöffnet.

Kann man Derinkuyu heute komplett besichtigen?

Nein. Nur ein Bruchteil der bis zu 18 Ebenen ist zugänglich, der Rest bleibt aus Sicherheitsgründen gesperrt. Rechne grob mit ca. 15–25 € Eintritt und 45–60 Minuten (Stand: Juli 2026) – die genauen Preise und Zeiten bitte vor Ort prüfen, da sie sich in der Türkei oft ändern.

Weiterlesen auf derinkuyu.de

Alle Angaben nach bestem Wissen recherchiert, Stand: Juli 2026. Preise und Öffnungszeiten können sich ändern — bitte vor Ort bzw. beim Anbieter prüfen.

Murat Gemici
Über den Autor
Murat Gemici

Murat Gemici ist Webdesigner und Digital-Unternehmer aus dem Rhein-Neckar-Raum mit deutsch-türkischen Wurzeln. Auf derinkuyu schreibt er über Kappadokien, die unterirdischen Städte und das Reisen in der Türkei — recherchiert und aus persönlicher Verbundenheit zur Region. Wenn er nicht schreibt, baut er digitale Projekte rund um gemici.de.

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