
Die unterirdische Stadt von Derinkuyu ist eines der eindrucksvollsten Bauwerke der Antike – und ihre Geschichte reicht weit länger zurück, als die meisten Besucher vermuten. Auf bis zu 18 Ebenen und rund 85 Metern Tiefe verbirgt sich hier ein komplettes Stadtgefüge aus dem Fels: Wohnräume, Ställe, Vorratskammern, Kapellen, Brunnen und kilometerlange Tunnel. Über mehr als zwei Jahrtausende diente diese Anlage den Menschen Kappadokiens als Zuflucht. Dieser Beitrag führt durch die Geschichte von Derinkuyu – von den ersten Spuren in der Antike bis zur Wiederentdeckung im 20. Jahrhundert.
Die Ursprünge: Phryger, Hethiter und die ersten Höhlen
Wann genau die ersten Räume in den weichen Tuffstein Kappadokiens geschlagen wurden, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Viele Archäologen datieren die ältesten Teile der Anlage auf die Zeit der Phryger im 8. bis 7. Jahrhundert v. Chr. Andere Forscher vermuten, dass bereits die Hethiter Jahrhunderte zuvor erste Hohlräume nutzten. Sicher ist: Der vulkanische Tuffstein der Region lässt sich mit einfachen Werkzeugen bearbeiten, härtet aber an der Luft nach – ideale Voraussetzungen für den Bau dauerhafter unterirdischer Räume.
Die Lage war kein Zufall. Kappadokien lag über Jahrtausende an der Schnittstelle großer Reiche und Heeresstraßen. Wer hier lebte, brauchte Schutz vor durchziehenden Armeen, Plünderern und Steuereintreibern. Die unterirdischen Städte boten genau das: Sie waren von außen kaum zu erkennen und konnten von innen verriegelt werden.
Die byzantinische Blütezeit
Ihre größte Bedeutung erreichte Derinkuyu in der byzantinischen Epoche zwischen dem 5. und 10. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde die Stadt massiv erweitert und vertieft. Christliche Gemeinden suchten hier Schutz – zunächst vor römischer Verfolgung, später vor allem während der arabisch-byzantinischen Kriege, als Reitertrupps immer wieder in Anatolien einfielen.
Bei Gefahr zogen sich die Bewohner ganzer Dörfer mitsamt ihrem Vieh und Vorräten in den Untergrund zurück. Schätzungen zufolge konnte Derinkuyu mehrere tausend, möglicherweise bis zu 20.000 Menschen für längere Zeit beherbergen. Kapellen, ein Taufbecken und eine kreuzförmige Halle in den unteren Ebenen zeugen bis heute vom religiösen Leben tief unter der Erde.
Eine Stadt zum Überleben: Architektur und Technik
Was Derinkuyu von einer bloßen Höhle unterscheidet, ist die durchdachte Ingenieurskunst. Über 50 Lüftungsschächte versorgten selbst die tiefsten Ebenen mit Frischluft, ein eigener Brunnen sicherte die Wasserversorgung – und war so angelegt, dass Angreifer von oben das Wasser nicht vergiften konnten. Große, runde Rollsteintüren ließen sich nur von innen bewegen und verschlossen die Gänge im Notfall vollständig.
Wer tiefer in die bauliche Logik eintauchen möchte, findet in unserem Beitrag zur Architektur und Ingenieurskunst von Derinkuyu alle Details. Bemerkenswert ist auch, dass Derinkuyu über einen mehrere Kilometer langen Tunnel mit der benachbarten unterirdischen Stadt Kaymaklı verbunden gewesen sein soll.
Osmanische Zeit und das Vergessen
Mit dem Vordringen der Seldschuken und später der Osmanen verlor die Anlage allmählich ihre Bedeutung als Daueranlage. Die griechisch-orthodoxe Bevölkerung der Region nutzte die unterirdischen Räume jedoch bis ins 20. Jahrhundert immer wieder als Zuflucht in unruhigen Zeiten. Mit dem Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei in den 1920er-Jahren verließen die letzten dieser Gemeinden Kappadokien – und das Wissen um die unterirdische Stadt geriet weitgehend in Vergessenheit.
Die Wiederentdeckung 1963
Die wohl bekannteste Episode der Stadtgeschichte spielt im Jahr 1963: Ein Bewohner von Derinkuyu stieß bei Renovierungsarbeiten in seinem Haus hinter einer Wand auf einen verborgenen Gang. Dahinter offenbarte sich ein ganzes Tunnelsystem. Archäologen begannen daraufhin mit der systematischen Erforschung der Anlage. 1969 wurde Derinkuyu für Besucher geöffnet – heute ist nur ein Bruchteil der Ebenen zugänglich, der Rest bleibt aus Sicherheitsgründen verschlossen.
Derinkuyu heute
Die unterirdische Stadt gehört zur Welterberegion Kappadokien und zählt zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Türkei. Für Reisende, die das Bauwerk selbst erleben möchten, lohnt ein Blick in unsere praktischen Ratgeber zu Tickets und Preisen sowie zu allen Sehenswürdigkeiten rund um Derinkuyu. Einen vollständigen Überblick über das Bauwerk bietet außerdem unser Hauptartikel zur unterirdischen Stadt von Derinkuyu.
Häufige Fragen zur Geschichte von Derinkuyu
Wie alt ist die unterirdische Stadt Derinkuyu?
Die ältesten Teile werden meist den Phrygern (8.–7. Jahrhundert v. Chr.) zugeschrieben, einzelne Forscher vermuten sogar hethitische Ursprünge. Ihre große Ausbauphase erlebte die Stadt in byzantinischer Zeit.
Wer baute Derinkuyu?
An der über Jahrhunderte gewachsenen Anlage waren mehrere Kulturen beteiligt – von frühen anatolischen Völkern bis zu den byzantinischen Christen, die die Stadt stark erweiterten und als Refugium nutzten.
Wie viele Menschen lebten in Derinkuyu?
In Notzeiten konnten sich Schätzungen zufolge mehrere tausend bis zu rund 20.000 Menschen samt Vieh und Vorräten in der Stadt aufhalten.
Wann wurde Derinkuyu wiederentdeckt?
1963 stieß ein Anwohner beim Umbau seines Hauses auf einen verborgenen Gang. 1969 wurde die Anlage für den Tourismus geöffnet.