Kaum eine Region der Türkei hat so viele Völker, Religionen und Reiche kommen und gehen sehen wie Kappadokien. Zwischen bizarren Tuffstein-Kegeln, fruchtbaren Tälern und dem mächtigen Vulkan Erciyes liegt eine der ältesten Kulturlandschaften der Welt – und der Boden, in den die Menschen hier ihre Kirchen, Klöster und ganze unterirdische Städte gruben. Wer heute durch Derinkuyu oder das Tal von Göreme läuft, wandelt durch mehrere tausend Jahre Geschichte.
Die ersten Hochkulturen: Assyrer und Hethiter
Schon in der Bronzezeit war Zentralanatolien ein Knotenpunkt des Fernhandels. Assyrische Kaufleute richteten hier Handelsniederlassungen ein – die berühmteste lag bei Kültepe, dem antiken Kaneš, mit seinem „Karum“, einer eigenen Händlersiedlung. Die dort gefundenen Tontafeln zählen zu den ältesten schriftlichen Zeugnissen Anatoliens überhaupt. Wenig später übernahmen die Hethiter die Vorherrschaft und machten die Region zu einem festen Bestandteil ihres Großreichs.
Königreich Kappadokien, Griechen und Römer
Nach dem Zerfall der alten Großmächte entstanden kleinere Fürstentümer, aus denen schließlich das eigenständige Königreich Kappadokien hervorging. Unter der Dynastie der Ariarathiden behauptete sich das Land über Generationen – mal unabhängig, mal im Spannungsfeld zwischen den Nachfolgern Alexanders des Großen. In dieser Zeit prägte die griechische Kultur die Region tief.
Mit dem Aufstieg Roms geriet Kappadokien in den Sog der großen Machtkämpfe um das Pontische Reich. Die alte Hauptstadt Mazaka wurde zu Ehren des Kaisers in Caesarea umbenannt – das heutige Kayseri. Im Jahr 17 n. Chr. schließlich wurde Kappadokien offiziell zur römischen Provinz.
Wiege des frühen Christentums

Kappadokien spielte eine Schlüsselrolle in der Frühgeschichte des Christentums. Aus dieser Region stammen drei der bedeutendsten Kirchenväter überhaupt – Basilius der Große, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa. Sie prägten die christliche Lehre nachhaltig und förderten ein dichtes Netz aus Klöstern und Gemeinden.
Weil das Christentum bis zum Jahr 313 verboten war, zogen sich die ersten Gläubigen an schwer zugängliche Orte zurück: Sie schlugen kleine Kapellen, Gebets- und Meditationsräume direkt in den weichen Tuffstein – verborgen vor den Augen der römischen Obrigkeit. Erst Kaiser Konstantin gab das Christentum frei und machte das neu gegründete Byzanz, das spätere Konstantinopel, zur Hauptstadt.
Bilderstreit und die Blüte der Höhlenkirchen
Im 8. Jahrhundert erschütterte der sogenannte Bilderstreit das Byzantinische Reich: Ab 726 ließ Kaiser Leo III. religiöse Bilder verbieten, Kirchen und Klöster wurden geschlossen. Erst Kaiserin Theodora hob das Verbot im Jahr 843 wieder auf. Danach begann die große Zeit der bemalten Felsenkirchen – in den Tälern von Göreme, Ihlara und Soğanlı entstanden hunderte Kirchen, deren Wände bis heute mit leuchtenden Fresken biblischer Szenen geschmückt sind.
Schutz unter der Erde: die Untergrundstädte

Derselbe weiche Vulkanstein, der das Aushöhlen von Kirchen ermöglichte, erlaubte etwas noch Spektakuläreres: ganze Städte unter der Erde. In Orten wie Derinkuyu und Kaymaklı reichen die Anlagen über viele Stockwerke in die Tiefe – mit Wohnräumen, Ställen, Vorratskammern, Belüftungsschächten, Kirchen und gewaltigen runden Rolltüren, die sich von innen verschließen ließen. In Zeiten von Überfällen und Verfolgung fanden hier tausende Menschen Schutz.
Genau diese unterirdische Welt macht Derinkuyu bis heute zu einem der faszinierendsten Orte Kappadokiens – ein in Stein gemeißeltes Zeugnis dafür, wie Menschen über Jahrhunderte hinweg dem Fels ihren Lebensraum abgerungen haben.
Kappadokien heute
Was über Jahrtausende aus Notwendigkeit, Glaube und Erfindergeist entstand, ist heute ein UNESCO-Welterbe und eines der eindrucksvollsten Reiseziele der Türkei. Wer die Geschichte dieser Landschaft kennt, sieht in jedem Feenkamin, jeder Höhlenkirche und jedem unterirdischen Gang weit mehr als nur einen Felsen – nämlich die Spuren von Assyrern, Hethitern, Römern und Byzantinern, die hier alle ihre Spuren hinterlassen haben.
